Die Troerinnen

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Inszenierung durch das Musiktheaterprojekt 2016 des Wirsberg Gymnasium
am Bockshorn-Theater

 

Das große Troja liegt in Schutt und Asche - und die Götter auf dem Olymp geben sich gelangweilt wechselnden Launen hin. Anders als in Homers Ilias die sieg- und listreichen Kriegshelden besungen werden, stehen in der antiken Tragödie „Die Frauen von Troja“ die Überlebenden in ihrer Verzweiflung im Vordergrund. Die politisch-anklagende Urversion des Euripides (480 – 406 v.Chr.) hat Jean-Paul Sartre um den menschlich-existenzialistischen Aspekt erweitert. Das P-Seminar Theater und die BigBand des Wirsberg-Gymnasiums inszenierten nun „Die Troerinnen“ in einer kongenialen Fusion aus antikem Drama und modernem Musiktheater und führen uns nun in die Tiefen der Psychologie des modernen Menschen in Ausnahme- und Trauersituationen, wie sie aktueller nicht sein könnten.

Die Bezüge des antiken Textes zur Neuzeit kommen in der lebendigen Regie (Siegfried Hutzel und Harald O. Kraus) klar zutage: Die siegreichen Griechen um Odysseus sollen nach dem Willen der launischen Hera (Luise Fella) nach Irrfahrt schiffbrüchig auf Kos und Lesbos stranden – man fühlt sich an die Bilder der rezenten Flüchtlingsströme erinnert. Untreue und beleidigter Stolz hatten einen über zehnjährigen Krieg vom Zaun gebrochen, und die Wurzel alles Übels, Helena, scheint als opportunistische Hure doch noch nach Sparta zurückkehren zu dürfen – „Verbrechen macht sich bezahlt“, folgern die Witwen der Besiegten erbost.

Wie so häufig gibt es auch hier Gewinner. Strategen, die sich profilieren und für die das vielfache Leid Kollateralschaden ist – allen voran Odysseus, der Erfinder des Trojanischen Pferdes als entscheidende Kriegslist. Diesem entspricht hier der in seinem Zynismus sehr gut typisierte Kriton (Simon Baumgärtner), konterkariert durch den schwachen König Menelaos (Julian Dorsch). Der einzige der noch in gewisser Weise „ein menschliches Rühren“ zeigt ist ausgerechnet Thaltybios (Constantin Sorge), der Herold der Griechen, der den Frauen ihr Los überbringt, im Gegensatz zu den eher platt-sadistisch gesteuerten Soldaten (primus inter pares: August Berner).

Die Verlierer  sind aber mit den hinterbliebenen Frauen in der Überzahl und sehen sich der Willkür und Misshandlung durch die neuen griechischen Herren ausgesetzt, denen sie zugelost werden. Sie sind in ihrem Umgang mit Ihrem Schicksal die wahren Helden, indem jede auf eigene Art und Weise versucht, ihre Würde zu bewahren. Auch hier gelang die Charakterisierung der Personen besonders gut: Ebenso wie nicht alle Griechen böse sind, sind nicht alle Troerinnen gut. Die selbstbewußte Helena (Pauline Topel / Rebekka Heunisch), erscheint zunächst als Frau, die in jeder Situation den Kopf über Wasser hält. Ihr rhetorisch geführter „Kampf“ mit Menelaos ist ein Meisterstück der Wortverdrehung. Hekabe (grandios: Eva Egreder / Maria Petzolt), die stolze Königin, rettet sich in Zynismus, spottet über ihr eigenes Leid, siegt aber letztendlich über Helena. Kassandra (authentisch: Charlotte Wanderer / Diana Epp) zeigt das beängstigende Wechselbad schizophrenen Empfindens – zwischen wahnsinnigen Rachefantasien und verklärten hellseherischen Momenten gibt sie den Desillusionierten aber immer noch Kraft, während ihr selbst das bitterste Schicksal droht als Gespielin des hormongesteuerten Agamemnon. Am schwersten trifft es Andromache (bewegend: Alina Metzger / Luise Fella), die ihrem kleinen Kind, dem Sohn des großen Hektor, das Todesurteil der Griechen tröstend nahebringen darf – und daran selbst zerbricht. Kein Auge trocken bleibt beim rührenden Abschied und dem letzten heldenhaften Aufbäumen des Kindes Astyanax, empathisch verkörpert durch den Junior des Ensembles, Luis Ulzheimer Roldán. Am ergreifendsten dann der Schluß, an dem die Absurdität des Krieges gipfelt im Abschied von dem toten Kind, dem unschuldigsten Opfer. Dem von den Zinnen Trojas Gestürzten darf Hekabe noch ein ehrenhaftes Grab auf dem Schild seines Vaters bereiten, wie es einem Helden gebührt, bevor die Reste derselben Stadtmauern in sich zusammenfallen und sie selbst durch eigene Hand den noch würdigsten Tod auf Heimaterde findet.

Diese endzeitliche Stimmung wird dabei spektakulär untermalt vom Thema aus „007 – Skyfall“, gleichzeitig Höhepunkt der musikalischen Umsetzung des Dramas (Harald O. Kraus). Durch die Integration des antiken Stoffs in ein neuzeitliches Musiktheater wird die Zeitlosigkeit menschlicher Charaktere und Reaktionsweisen besonders deutlich: Während intrigante Götter sich zu ausgelassenem Charleston vergnügen,  betrauert die gebrochene Königin ihre Toten zum St. James Infirmary Blues. Die Ungewissheit des Schicksals der Troerinnen ist „blowin’ in the wind“, wohingegen der letzte Weg des geopferten Kindes zur Sarabande von Händel ritualisiert wird. Den gleichen Brückenschlag über 2400 Jahre leistet die Kostümierung und Maske (Sigrid Maroske, Ismini Petzolt, Christina Neuberger und Karen Herzog-Grün) mit einem Cross-over aus antiken Gewändern und modern-martialischem Outfit. Theater soll bewegen, dies wird hier eindrücklich realisiert durch die Choreographie (Viktoria Gasseldorfer, Lea Reimer und Daniel Shnayderman) mit dionysisch-opulenten Tanzelementen aber auch effektvollen Kniffen wie szenischen Rückblenden und Traumbildern. Während die Haupthandlung hierfür kurz eingefroren wird, werden die wichtigsten Momente des zurückliegenden Krieges lebendig, z.B. die Eroberung Trojas mithilfe des Trojanischen Pferdes. Aber auch die toten Helden wie Hektor und Paris werden wieder zum Leben erweckt, bevor die Realität aus Ruinen und Trauer die Besiegten wieder einholt.  Denn die Toten stehen nicht mehr auf, und so klagen alle ihr Leid, im Chor oder einsam für sich allein – ein Kaleidoskop der menschlichen Psyche damals wie heute.

Dr. Jochen Ulzheimer

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