Macbeth - Inszenierung durch das Musiktheaterprojekt 2017 des Wirsberg Gymnasium in der Hochschule für Musik

„Fair is foul, and foul is fair“ – aktueller könnte die Prophezeiung der drei Hexen gar nicht sein. Als die Entscheidung, für das diesjährige Musiktheaterprojekt den blutigsten Klassiker von Shakespeare zu inszenieren, nach Abschluss der opulenten Troerinnen letztes Jahr gefallen war, konnte noch niemand ahnen, welch treffliche Mahnung das Sujet in der derzeitigen internationalen politischen Landschaft abgeben würde.  In der musikalischen und theatralischen Adaptation durch 160 Mitwirkende von Oberstufentheater, Band, Kammerorchester und Chor des Wirsberg Gymnasiums wird einmal mehr deutlich, wie Ambivalenz zwischen Loyalität und Ehrgeiz die ehrlichste Vernunft in blinde Gier nach Macht entarten lässt. Es ist auch hier wieder der kongenialen Leitung von Harald O. Kraus und Siegfried Hutzel zu verdanken, dass diese an sich schwere Kost ein alle Sinne ansprechendes Gesamtkunstwerk geworden ist.

Bereits das ouvertürenhafte Intro zum Finalthema aus Schwanensee bietet ein dramatisches Destillat, das die Entwicklung der Stimmungen bis zum blutig rot getränkten Ende ankündigt.

Macbeth (August Berner), treuer Vasall der schottischen Krone und siegreicher Heerführer, erhält in den Nebeln der Highlands von geheimnisvollen Schicksalsschwestern die dreifache Weissagung, er werde zum Fürst von Cawdor ernannt und schließlich König von Schottland, während sein bester Freund Banquo Stammvater eines Königsgeschlechts werde. Zunächst ist er verwirrt und ungläubig. Als sich jedoch der erste Teil der Prophezeiung früh erfüllt, erwacht in ihm die Gier nach mehr. Der Widerstreit zwischen Ehrgeiz und Loyalität in Macbeths Brust wird mehrfach genial dargestellt: In der telepathischen Kampfszene zwischen Macbeths Gewissen und den bösen Mächten sowie  in dem Traumbild, in dem der Königsmord Idee annimmt und der neu proklamierte Thronfolger Malcolm zum neuen Feindbild wird. Während Macbeth noch hadert, sieht seine Gattin (Sophia Dressler) die Perspektive, Königin zu werden, klarer und ohne Skrupel – Macbeth muss dem Schicksal nachhelfen, um vor ihr nicht als Feigling dazustehen. In seinem Monolog drückt August Berner Macbeths Ambivalenz überzeugend aus, während Sophia Dressler bzw. Sophia Havlik Lady Macbeth als insistierenden Dämon verkörpert.

Der mörderische Plan ist rasch geschmiedet, Macbeth metzelt die unheilahnende Königin (grandios: Sophia Havlik) nachts nieder und wird daraufhin von Schuldgefühlen regelrecht zerrissen. Das Intrigenspiel geht weiter – sein Freund Banquo ist rasch als nächstes Ziel gewiss. In dieser Situation folgt eine dramaturgisch geschickte Rückblende auf die Kindheit: Während Macbeth als Kind (Fabian Pförtsch) bereits das Ziel König zu werden klar hat, will der junge Banquo (Linus Spiegel) nur sein Freund sein und bleiben, wenngleich die Warnung laut wird: „Könige haben keine Freunde“ – Wie sich Kindermund doch bewahrheiten sollte! Nun König, wird Macbeth von Gier getriebene zum Meister der Intrige. Gedungene Mörder beseitigen Banquo, lassen seinen Sohn jedoch entkommen, was die Erfüllung der dritten Prophezeiung erst ermöglicht und Macbeth vollständig in die Raserei treibt.  Als der Geist von Banquo beim Festmahl erscheint, mündet Wut in Paranoia. Während die Getreuen noch in ihrem König den ehrlichen Fürsorger verkennen, wird Macbeth endgültig zum rücksichtslosen Tyrannen, als eine weitere Weissagung der Hexen ihn warnt, er müsse sich vor McDuff (beeindruckend Marc Schauer) in Acht nehmen. Dramatisch inszeniert wird die despotische Sippenstrafe gegenüber dessen Familie. Wieder einmal sind die unschuldigen Kinder (mitreißend gespielt von Luis Ulzheimer Roldán und Jonas Neuberger) die Leidtragenden, die zusammen mit ihrer Mutter Opfer der Schergen des Tyrannen werden. Auch an Lady Macbeth geht die Spirale der Gewalt („Blut fordert Blut“) nicht spurlos vorüber. Gequält von Schlafwandlerei und Zwangshandlungen verfällt auch sie dem Wahnsinn, was sie letztlich in den Selbstmord treibt. Durch die Prophezeiung, sich vor keinem „Mann von einem Weib geboren“ fürchten zu müssen und nur in Gefahr zu sein wenn sich der Wald von Birnam zu seiner Burg Dunsinane bewege, wähnt sich Macbeth in trügerischer Sicherheit. Zu spät erkennt er, dass auch diese sich erfüllt, als er von dem aus dem englischen Exil zurückkehrenden Kronprinzen Malcolm angegriffen wird, dessen Soldaten sich mit Zweigen aus dem nämlichen Forst getarnt haben. Als er im schlussendlichen Zweikampf mit Macduff erfährt, dass dieser per Kaiserschnitt entbunden worden war, wird ihm klar, dass dies sein Ende ist, was ihm auch umgehend beschert wird.

In der Aufführung durch das Wirsberg P-Seminar zeichnet sich  wieder einmal in sehr tiefgründiger Weise die Psychodynamik des  Wahnsinns nach. Sowohl Lady Macbeth als auch Macbeth selbst verkörpern, wie die Gier nach Macht die Oberhand über Vernunft und Loyalität gewinnen kann und zu menschenverachtendem Despotismus führt.  Die Choreographie mit Traumbildern, Schattentheater und Rückblenden sowie das Bühnenbild mit Projektionen von Hugo Janz differenzieren trefflich die unterschiedlichen Situationen in der geheimnisvollen Wildnis der schottischen Highlands und die ritterlich-martialische Kultur an Königshof und Fürstenhäusern. Getragen wird die Inszenierung auch durch die prächtigen historisierenden Kostüme von Sigrid Maroske, die alle Schüler von der fünften Klasse bis zur Oberstufe ins Mittelalter „zauberten“. Die großartige Musikuntermalung durch das klassische Orchester (Ltg. Annette Mettenleiter) und die BigBand (geleitet von Harald O. Kraus, Benedikt Weiß und Jakob Kleinschrot) unterstreicht die Stimmungen seelischer Ambivalenz und Vorahnungen von Paranoia und drohendem Untergang. Insbesondere der intensive und charakteristische Klang des originalen Dudelsackpfeifers Jochen Hutzel erfüllt das ganze Theater mit herzergreifender Emotion, ebenso wie die ergreifenden Chorpassagen mit traditionellen schottischen Weisen wie Flower of Scotland, aber auch Greensleeves und Hymnen von Purcell bildeten einen alle Sinne ergreifenden Rahmen für dieses musikalisch-dramatische Geasmtkunstwerk, das den Genius W. Shakespeares in fünf ausverkauften Vorstellungen wiederauferstehen ließ.

Dr. Jochen C. Ulzheimer

 

 

Nacht der offenen Kirchen

“Die Troerinnen“ von Euripides sind sicherlich ein Highlight der 10. Nacht der offenen Kirchen.” (Pressemitteilung des Ordinariats)

Das P-Seminar Musiktheater des Wirsberg-Gymnasiums führt Ausschnitte aus der 2400 Jahre alte Tragödie von Euripides in Kombination mit biblischen Texten um 19.00 Uhr und in Wiederholung um 21.00 Uhr in Stift Haug auf (Dauer der Aufführung: ca. 45 Minuten). Die Schüler bieten Theater, Tanz und Gesang. Die Kirche wird vom Beleuchtungskünstler T. Leonard entsprechend illustriert. Sie sind herzlich eingeladen. Der Eintritt ist frei.

Nacht der offenen Kirchen

Auf Einladung des Dompfarrers Dr. Jürgen Vorndran führten die P-Seminare Theater und Musik "die Troerinnen" des Euripides in Kombination mit biblischen Texten auf.